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Interview mit Clemens Arvay

Clemens Arvay ist Biologe, Bestsellerautor und, wie ihn der US- Journalist Richard Louv nennt, ein Öko- Philosoph, der erste Pinselstriche des Portraits einer Zukunft zeichnet. Und nicht nur er, sondern viele andere Leserinnen und Leser wertschätzen seine wertvolle Arbeit, da sie uns wieder erinnert, welche Wege es gibt, um die Veränderung nicht nur herbeizusehnen, sondern sie selbst aktiv zu leben. In unserem Gespräch sprechen wir u.a. über Massentierhaltung vs. kleinstrukturierte Landwirtschaft, an welchen Gütesiegeln sich der Konsument orientieren kann oder den Biophilia- Effekt.

Eine der Fragen, die ich mir immer wieder stelle, ist, ob es möglich ist oder „zu romantisch" gedacht wäre, dass die Menschheit in den nächsten Jahren auf eine kleinstrukturierte Landwirtschaft umsteigt und auf die Massenproduktion komplett verzichtet? Und das im Anbetracht dessen, dass aktuell 7,5 Milliarden bzw. bis 2050 10 Milliarden Menschen zu ernähren sind.
 
CLEMENS - Unter Agrarwissenschaftlern steht es außer Frage, dass wir noch genügend Ressourcen haben, um alle Menschen zu ernähren. Wir könnten mit den aktuellen Ressourcen der Erde sogar 12 Milliarden Menschen ernähren und vermutlich mehr. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine angepasste Wirtschaftsweise, in der nicht die bloße Profitmaximierung die oberste Maxime ist, sondern die Sicherung der Ernährung aller Menschen und künftiger Generationen. Ebenfalls einig sind sich Agrarwissenschaftler in dem Punkt, dass wir unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren müssen. Über die Tiermast gehen im Durchschnitt pro Kalorie Fleisch zehn Kalorien aus pflanzlicher Nahrungsenergie verloren. Würden wir mehr Flächen zum Anbau von pflanzlicher Nahrung nutzen, die dem Menschen direkt zugutekommt, könnten wir diesen Energieverlust eindämmen. Davon würden vor allem Menschen auf anderen Kontinenten profitieren, deren Ressourcen wir für unsere Tiermast verbrauchen, zum Beispiel durch den Anbau von Sojafuttermitteln im Regenwald. Pro Jahr werden etwa 600.000 Tonnen gentechnisch manipuliertes Soja aus solchen Anbauformen alleine in Österreich an Schweine verfüttert. Natürlich könnten wir alle Menschen ernähren. Aber dazu müssen wir eben auf alle Menschen Rücksicht nehmen.
 
Wir gehen mit unseren natürlichen Ressourcen nicht gerade zimperlich um. Beispiel Wasser: Neben Kakao mit 27.000 Liter und Röstkaffee mit 21.000 Liter ist Rindfleisch mit 15.500 Liter unter den Top 3 Lebensmitteln mit dem höchsten Wasserverbrauch. Obendrein werden gigantische Flächen der Regenwälder gerodet, damit der Futtertrog des Schweins mit Gen- Soja gefüllt werden kann und final auf unserm Teller ein Schweinsschnitzel landet. Wie ist dem Konsumenten, unseren Freunden oder der Family klar zu machen, dass wir sehr wohl dem Wahnsinn entgegenwirken können und auch müssen?
 
CLEMENS - Die Menschheit befindet sich in einem Prozess der kulturellen Evolution. Dazu gehört auch die ethische Revolution. Solche Prozesse benötigen sehr viel Zeit, um zu Änderungen zu führen. Ich habe kein Patentrezept für einen globalen Wandel zur Nachhaltigkeit. Jedoch bin ich davon überzeugt, dass es nur den einen Weg gibt: Beständig und geduldig aufklären und Information bereitstellen.
 
Wann und warum hat der Großteil der Konsumenten das „Gspür" und den Wert für Lebensmittel am Weg liegen lassen? In den 60ern hat der Durchschnittsösterreicher noch 45% seines Monatseinkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute sind´s nur noch 12,1%.
 
CLEMENS - Ich sehe in dieser Entwicklung "den Konsumenten" nur als Teilschuldigen. Die überwiegende Verantwortung tragen Konzerne durch ihre Politik der Verschleierung und Manipulation. Übermäßiger Konsum und Geizmentalität werden ja gezielt durch PR und Marketing gefördert. Leider geben sich dazu auch Psychologen und Neurowissenschaftler her, die mit ihrem Wissen eigentlich der Menschheit dienen sollten. Der (nicht mehr ganz so neue) Trend heißt "Neuromarketing". Dabei geht es darum, den sogenannten "Autopiloten" im Gehirn durch Manipulation in den Konsummodus zu versetzen. Natürlich hätten die Konsumenten - in Summe - durch ihre Kaufkraft die Macht, Produkte "abzuwählen", die nicht ethisch produziert wurden. Andererseits sind es nicht die Konsumenten, die den Regenwald abholzen oder Tiere in industrielle Mastanlagen sperren.
 
An welche Gütesiegel kann ich mich als Konsument bzw. Flexitarier orientieren, wenn ich ab und an „Fleischeslust" habe?
 
CLEMENS - Fleisch würde ich persönlich nicht aus dem Markt kaufen - egal ob Supermarkt oder Bioladen. Ein Beispiel: Die Geflügelmast wird weltweit von nur einer handvoll Hochleistungszüchtungen dominiert, die Namen wie "JA 757", "BIG 6" oder "Converter" tragen. Das sind die genetischen Zuchtlinien aus Hühnern und Puten. Diese haben die alten Rassen praktisch völlig verdrängt. Selbst kleine Höfe beziehen solche Küken aus der nächsten Brüterei, die wiederum bei den großen Zuchtkonzernen unter Vertrag stehen. Das wissen die Bauern häufig gar nicht. Alte Rassen, die nicht aus dieser stampfenden Industrie kommen, werden nur noch in sehr wenigen "Orchideenprojekten" gehalten. Einen solchen Hof würde ich suchen. Beispielsweise würde ich Hühnerfleisch vom Ursteirerhof beziehen. Auch Josef Zotter, der "Schokoladenbaron", hält seine Hühner und Puten vorbildlich und setzt nur alte Rassen ein. Aber man muss solche Projekte wirklich wie mit der Lupe suchen. Der Kleinbauernverband "Via Campesina" kann bei dieser Suche mit Adressen helfen. Ich würde beim Kauf von Fleisch sehr darauf achten, nicht indirekt die großen Zuchtkonzerne mitzufinanzieren, die an der Spitze der Produktionskette liefern und den weltweiten Markt durch ihre Hochleistungszüchtungen dominieren. Ein Beispiel: So gut wie alle in Geschäften verkäufliche Bio-Eier in Österreich werden von Hybridhühnern des Lohmann-Konzerns gelegt (Genotyp "Lohmann Brown Classic", "Lohmann Sandy" etc.). Zur Produktion solcher Bruteier müssen Generationen von Hühnern in fensterlosen Ställen unter industriellen Bedingungen leben. Der Lohmann-Konzern wurde 2011 wegen Tierquälerei rechtskräftig verurteilt. Solche konventionellen Hybridhühner haben in der Biolandwirtschaft eigentlich nichts verloren. Doch vom Supermarkt bis zum Bioladen findet man heute fast nur noch Bio-Eier solcher Züchtungen im Regal. Von "Hahn im Glück" - wie es bei HOFER heißt - kann da keine Rede mehr sein. Die Eier der Zuchtlinie Lohmann Sandy wurden von Ja!Natürlich sogar jahrelang als "Moosdorfer Haushuhn" vermarktet - ein frei erfundener Name des REWE-Konzerns. Beim Konsum von Tierprodukten sollten wir wirklich penibel auf die Herkunft achten und auf Qualität statt Quantität setzen. Dadurch können wir gezielt die wenigen kleinen Höfe unterstützen, die noch alte Rassen einsetzen und sich gegenüber der industriellen Genetik verwehren.
 
Die Auswirkungen des Waldes auf den Menschen werden seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht. In deinem Buch "Der Biophilia-Effekt - Heilung aus dem Wald" beschreibst du einen mir bisher eher unbekannten Ansatz. Was genau ist unter diesem Effekt zu verstehen?
 

CLEMENS - Unter dem "Biophilia-Effekt" verstehe ich die gesundheitsschützenden Wirkungen der Natur, auch des Waldes, auf unsere Zellen, Organe und unsere Psyche. Das ist mein Schwerpunkt als Biologe. Sekundäre Pflanzenstoffe aus der Waldluft balancieren unser Immunsystem nachweislich aus und fördern sogar unsere körpereigenen Abwehrkräfte gegenüber Krebserkrankungen. Zu diesen gesunden Stoffen der Natur gehören beispielsweise die Terpene der Bäume, die im Pflanzenreich als "chemische Wörter" der biologischen Kommunikation dienen. Anionen - negativ geladene Sauerstoffteilchen - aktivieren unsere Abwehrkräfte und wirken entzündungshemmend. Bestimmte Mikroben aus dem Waldboden haben sogar eine stimmungsaufhellende Wirkung auf unsere Psyche. Hinzu kommen die zahlreichen mentalen Wirkungen des Waldes, wie Entspannung und Entschleunigung, Abstand vom Alltag, Nähe zu unserem Ursprung und so weiter. Es ist unsere "Biopilie", die wir im Wald spüren. Das ist nach Erich Fromm die uns angeborene Liebe zur Natur.

Vielen herzlichen Dank lieber Clemens für das Interview, dass ich dir ein bisserl Zeit stibitzen durfte und deine wertvolle Arbeit!

Weitere Infos zu Clemens & seinen Büchern finden Sie unter folgendem Link:

www.clemensarvay.com

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