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judithJETZT - Interview mit der Leiterin der Gruft Wien

· interviewJETZT

"Was mit Schmalzbroten und Tee begann, ist heute Wiens bekannteste Obdachloseneinrichtung" steht auf der Website der Gruft Wien geschrieben. Genauer gesagt seit Weihnachten 1986 ist die Gruft dank der Unterstützung von SpenderInnen und Spendern, der Stadt Wien und der Caritas rund um die Uhr für die Obdachlosen Wiens geöffnet.

Judith Hartweger ist für die Leitung der Gruft verantwortlich und steht Rede und Antwort zu meinen Fragen...

ERNST Liebe Judith, wir beide kennen uns ja schon von einer studentischen Spendenaktion. Damals war ich stark mitgenommen von den erschütternden Geschichten von zwei Obdachlosen, warum sie in diese Situationen geschlittert sind bzw. auch tief berührt von eurem täglichen Engagement in der Gruft. - Wie gelingt es dir dich von diesen facettenreichen Schicksalsschlägen bzw. Extremsituationen abzugrenzen?

JUDITH Ich denke die Abgrenzung schaffen die täglichen Begegnungen mit so vielen Menschen, denen wir, damit meine ich mein großartiges Team hier in der Gruft, helfen konnten. Es ist hier nicht ständig alles extrem und tragisch, wir lachen sehr viel miteinander.

ERNST Wie sieht dein Tagesablauf aus?

JUDITH Ich starte in aller Regel um 9 Uhr in der Gruft mit der Dienstübergabe. Hier erfahren wir alle was es an Neuigkeiten gibt. Sehr viel meiner Arbeitszeit verbringe ich am PC mit administrativen Tätigkeiten. Wenn meine Augen zu flimmern anfangen, weil ich schon zu lange vor dem Kastl sitze, dann gehe ich runter ins EG und schaue, ob ich KlientInnen zum Tratschen finde. Ich bin kaum in die laufenden Betreuungen der KlientInnen involviert, versuche aber trotzdem den Überblick zu behalten wer zu uns kommt und wer es wohin geschafft hat.

ERNST In der Vergangenheit kam ich immer wieder in die Situation, dass ich mich gefragt habe, ist’s eine wirklich gelungene Tat, wenn ich einem Obdachlosen ein Geld spende oder tu ich ihm dabei nichts nachhaltig Gutes. Deswegen habe ich die Methodik geändert und frage die jeweilige Person, ob er/sie denn Hunger hat und dann kauf ich ihm/ihr ein Weckerl mit Wasser. Nachdem ich aber einmal bei Shades Tours teilgenommen habe und mir von einer ehemaligen Obdachlosen sagen hab lassen, dass es unzählige Möglichkeiten in Wien gibt, um zu einer warmen Mahlzeit zu kommen. Deswegen die Fragen an dich: Wie bzw. wem spenden?

JUDITH Das ist eine schwierige Frage, die du mir da stellst, weil ich ja eine Einrichtung zu führen habe, die zur Hälfte aus Spendenmitteln zu finanzieren ist. Also natürlich an die Caritas spenden und hier sind Sach- und Geldspenden immer willkommen. Bei den Sachspenden bemerken wir, dass vor allem Unmengen an Textilien gespendet werden. In manchen Jahren mehr, als wir je ausgeben können.

ERNST Wie hat sich die Obdachlosigkeit in den letzten Jahren verändert?

JUDITH Meiner Meinung nach werden die Problemlagen der KlientInnen immer komplexer. Es ist nicht mehr der „Sandler“, der auf der Parkbank sitzt und ein Alkoholproblem hat, der, dem wir helfen. Wir haben hier viele Menschen mit psychischen Problemen, zu denen wir erst nach einem langen Beziehungsaufbau Kontakt finden. Es sind Menschen, die aus anderen Bundesländern in Wien gestrandet sind, weil die Anonymität in Großstädten gewahrt ist. Einige der Obdachlosen kommen aus anderen EU Ländern und versuchen in Österreich Fuß zu fassen oder versuchen einfach den Winter zu überleben, weil in ihren Herkunftsländern wenig oder keine Versorgung von Obdachlosen gewährleistet ist.

ERNST Was sind statistisch betrachtet die häufigsten Gründe, dass Menschen in Österreich obdachlos werden? Wieviele Menschen sind in Österreich bzw. Wien obdachlos?

JUDITH Es sind zu viele. Quelle Wr. Tafel: Neben den geschätzten 8.000 permanent Obdachlosen nehmen über 7.100 Menschen zeitweise Obdachloseneinrichtungen in Anspruch. In Wien stehen 4.500 Wohn- und Schlafplätze für Menschen ohne Wohnung zur Verfügung. Expertenschätzungen zufolge sind in Österreich insgesamt rund 12.000 Menschen wohnungslos.

Die Gründe sind vielfältig: Verlust der Arbeit, Zahlungsschwierigkeiten, Delogierung, Verlust des sozialen Umfeldes, Scham, diverse Süchte und deren Finanzierbarkeit (Spielsucht ist hier ein großes Thema), psychische Probleme, Scheidung/Trennung, um die häufigsten zu nennen.

ERNST Ein Gruft Klient hat auf eurer Website geschrieben: „Auf der Straße leben nur Leute, die versagt haben, die faul sind und stinken. Es ist nicht lange her, dass ich selber solche Gedanken hatte. Doch heute sage ich eines: Wer so denkt, soll einmal einen Tag und eine Nacht mit mir auf der Straße verbringen und sich anhören WARUM manche Menschen auf der Straße sind. Denn es kann jeden treffen.“ - Obdachlosigkeit hat viele Gesichter - welche Geschichte hat dich bleibend geprägt?

JUDITH Ich habe vor zig Jahren als Praktikantin in der Gruft begonnen. Mein erster Praktikumstag begann mit einer Streetwork am ehemaligen Gelände des Südbahnhofes. Dort besuchten wir eine Gruppe von Menschen, die sich in alten Baracken häuslich eingerichtet hatten. Es war für mich davor unvorstellbar, dass es in Wien Menschen gibt, die so leben müssen, weil sie in kein System gepasst haben. Ich wollte mehr über diese Menschen erfahren, bin bei der Obdachlosenhilfe geblieben und noch immer mit voller Überzeugung dabei.

ERNST Wie ist der Gruft am Besten geholfen? Wie kann man sich einbringen?

JUDITH Mit Geldspenden ist der Gruft am Besten geholfen, weil wir sie dort einsetzen können, wo sie von Nöten sind. Man kann sich in der Gruft im Rahmen einer freiwilligen Tätigkeit einbringen, man kann sich mit der Aktion Kochen für die Gruft (man bringt Lebensmittel mit und verkocht diese zu einer Mahlzeit vor Ort) einbringen.

ERNST Danke Judith für das Interview und Danke v.a. für die wertvolle Arbeit, die ihr Tag ein und Tag aus für unsere Gesellschaft leistet!

Mehr Infos zur Gruft Wien:

https://www.gruft.at/

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