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Route in den Süden TEIL III

Meine lieben Füße haben mich von Wien in den ca. 2100 km entfernten Ort, Saint Jean Pied de Port, getragen - ein weiterer Meilenstein auf meiner Pilgerreise ist somit geschafft. Warten nur noch Pamblona, Santiago, Finistére, Casablanca und Marrakesch auf mich. Im Anhang findet Ihr meine spanische Route + Abenteuer + Übernachtungsmöglichkeiten vor...

Route in Spanien

8. September

Saint Jean Pied de Port

Roncesvalles

Dies war wahrscheinlich der intensivste/ beschissenste "Spaziergang" so far. - Warum?

Linker Schritt - Schmerzen. Rechter Schritt - Schmerzen. Linker Schritt - Schmerzen. Rechter Schritt - Schmerzen…und dies 40 km. Nonstop.

Als Ex- Migräne Patient weiß ich mit Schmerzen sehr gut umzugehen bzw. diese hinzunehmen. Doch jeder Step hinauf und hinunter haben sich so angefühlt als würde mir bei jedem Schritt eine Person gegen bzw. auf meine Zehen treten. - Wenn ich Opus Dei Mitglied wäre, wäre dies vorbildhaft - bin ich aber nicht. - Das nicht vorhandene GPS- Signal, der 16 km Umweg, die 0% Akku Leistung meines Iphones und die unerträglichen Schmerzen, die mich veranlasst haben die letzten 9 km mit meinen "Birkenstockis" zu gehen, haben mich inspiriert meine Trinkflasche wutentbrannt auf den Boden zu knallen, sodass schließlich und endlich auch noch mein Wasser ausgeronnen ist. Dieser Tag war kein Highlight, sondern mein bisheriges Lowlight!

Meine Reifen/ Wanderschuhe sind mit Abstand das wichtigste an meinem Projekt. Nachdem ich so viel Vertrauen in diese Zauberschuhe aufgebaut habe, habe ich mir genau aus jenem Grund dasselbe Modell bzw. in derselben Größe bestellt bzw. zusenden lassen. Doch die "42 again" war ein Fehler. Im Schuhshop ist mir gesagt worden, dass es nach 2000 Kilometer keine Seltenheit ist, dass der Wanderer einen Wanderschuh um eine Nummer größer nehmen muss - dies soll aber nicht heißen, dass der Weltenwanderer Gregor Sieböck, der 20.000 km bisher in seinem Leben gehatscht ist, statt seiner ursprünglichen Schuhgröße 43 63er heute tragen muss! Just saying!

Um 19:30 bin ich in Roncesvalles einziger Gite Communal angekommen, die Plätze für hunderte Pilger zur Verfügung stellen. Doch diese war eben voll. Bummvoll! Completo! Und somit wollten mich die Hospitaleros mit dem Taxi in die 5 km entfernte Ortschaft bringen, die für die "gestrandeten Pilger" einen Schlafplatz noch anboten. (Anmerkung: 400!!! Pilger sind an jenem Tag in Saint Jean Pied de Port gestartet!) Nachdem ich am nächsten Tag nicht nach Roncesvalles zurückgebracht worden wäre, war dies ein absolutes No- Go! Das wäre für mich in die Kategorie "Cheating" einzuordnen und cheaten geht nicht. Echt nicht! Ich gehe nicht 2140 km zu Fuß und dann lasse ich mich 5 km in die nächste Ortschaft kutschieren. No way! Wie ihr wisst, lautet mein Motto: "Wer das Leben zu ernst nimmt, hat das Spiel nicht verstanden!" Aber wenn es um Ehrlichkeit geht, dann fährt die Merkinger- Eisenbahn drüber. (Buchtipp: "The Importance of Beeing Earnest" by Oscar Wild)

Und so hätte ich zuerst vorgehabt bei 4 Grad im Freien zu übernachten - wäre da nicht die liebenswerte Claudia gewesen, die mit mir ihr Einzelbett geteilt hat. God bless this human being!

Ach ja und: God bless die französischen Touristen (siehe oben), die mich um 14 Uhr nicht nur mit Trinkwasser, sondern auch noch mit Gaumenfreuden versorgt haben - Schwarzbier, Rotwein, Kusskuss- Salat, französischem Käse, Pizza, baskische Spezialitäten, …

9. September

Roncesvalles

Larrasonana

Ich war heilfroh in Zubiri nach 7 h anzukommen. Jeder Schritt ist immer noch eine Qual. Dementsprechend hat sich ein blauer Zehennagel entwickelt, der mir nochmals vor Augen geführt hat, dass ich mir asap (spätestens übermorgen früh) neues Schuhwerk zulegen werde. Morgen schließt sich übrigens für mich ein Kreis - ich kehre an jenen Pilgerort zurück, der im März 2016 mein Ausgangspunkt war - Pamplona. Deswegen freue ich mich besonders zu alter Stätte zurückzukehren, die mich vom Homo Idioticus etwas näher zum Homo Sapiens transformiert hat.

Die heutige Albergue ist nicht erwähnenswert, aber der Supermercado umso mehr. Falls Sie in die Nähe dieser Ortschaft kommen sollten, müssen Sie zwingend den einzigen Supermarkt dieser Ortschaft aufsuchen. Entertainment und ein großartiges Ambiente (siehe unten) sind garantiert! I swear! Im Ernst, Ernst!

10. September

Larrasonana

Pamplona

It´s heaven. Die Ankunft in Pamplona beseelt mich. Es kommen so viele Erinnerungen aus vergangenen Tagen hoch. Ich suche auch die Orte auf, wo ich das letzte Mal geschlafen habe, wo ich losgegangen bin, wo ich Skyler (CAN), Francesco (ITA) und CO. zum ersten Mal angetroffen habe. It´s great to be back on track.

Auch heute ist es wieder schwierig zwei Betten zu finden, weil angeblich sogar mehr als 400 Pilger in Seant Jean Pied de Port aufgebrochen sind. Nach ein paar Anrufen finden wir allerdings noch ein Hostel, das uns Eintritt gewährt. Nothing special, aber good enough for Mützing.

11. September

PAMPLONA BREAK DAY

Meine letzte Pause ist schon etwas länger her, deswegen wird heute "gefaulenzt". Ich nütze die Pause um meine Schuhe beim Schuster zu stretchen, um zumindest eine halbe Nummer rauszuholen. Dann kommt auch noch die liebe Kathi, die über Instagram auf mich aufmerksam geworden ist, extra aus dem schönen Innviertel anreist, um mit mir ein paar Tage mitzugehen. Was ich mir sonst noch so vorgenommen habe?! - Die wunderschöne Stadt zu erkunden, Artikel zu schreiben, aber auch Lesen und YOGA sind angesagt! JA, ENDLICH WIEDER EINMAL YOGA! :)

Namaste,

Euer Ernst

12. September

Pamplona

Puenta La Reina + 7 km

Das Stretchen der Schuhe hat geholfen. - Rechter Schritt. Leichter Druck. Linker Schritt. Leichter Schmerz. Rechter Schritt. Leichter Druck. Linker Schritt. Leichter Schmerz...

Dieser Druck bzw. diese Schmerzen werden sich vielleicht noch legen - bis Logrono (übermorgen) gebe ich dem Schuhwerk noch die Chance mit mir nach Marrakesch zu wandern, ansonsten muss vorübergehend ein neuer Laufschuh her, den ich für die Zukunft sowieso benötigen werde, und meine lieben Steppenwölfe aus Wien schicken mir in der Zwischenzeit einen neuen "HangWag- Reifen" zu. Let´s see.

Was sonst noch so geschah?

Achja, Kathis erster Tag und dann gleich 31 km. Chapeau, liebe Kathi! Sie hat nicht nur tapfer durchgehalten, sondern sie hat mich förmlich in den nächsten Ort gezogen - in einen verlassenen Ort, der zum Glück von 20 Pilgern an diesen Abend belebt wurde. Zum Glück haben wir an jenem Tag reserviert, um noch 4 Betten für Klaudia (CAN), Anna (SWE), Kathi (AUT) und mich vorzufinden. Und ja, es ist wahrlich eine Reservierungs- Schlacht, die hier vonstatten geht. Es sind hunderte PilgerInnen am Weg nach Santiago... Manchmal fühle ich mich wie Marcel Hirscher, der mittlerweile nach 3 Monaten flotter als die "Konkurrenz" unterwegs ist und sich wie im Slalom an die Spitze setzt. - Keine Angst! Ich betrachte und behandle die PilgerInnen aber nicht wie Kippstangen!!!

13. September

Puenta La Reina

Los Arcos

Rechter Schritt. Leichter Druck. Linker Schritt. Leichter Druck. Rechter Schritt. Leichter Druck. Linker Schritt. Leichter Druck... Seit heute verspüre ich nur mehr einen Druck. Immerhin. Morgen werde ich entscheiden, ob das Schuhwerk nach einem 5 Tages Urlaub in Frankreich und Spanien wieder nach Österreich zurückfliegen muss. Ganz nach dem Motto: "Last Day! Last Chance!" Es wird sich weisen, ob der Schuh mit diesem Druck umgehen kann.

An jenem Tag stand wieder eine längere Tour am Programm - 34 Kilometer. Kathi ist fit wie ein Wanderschuh und unterhaltsam wie Thomas Gottschalk, tiefgründig wie Anselm Grün und stellt so gute Fragen wie Claudia Stöckl - aber nicht nur beim Frühstück, sondern auch zum Glück tagsüber.

In Los Arcos finden wir eine Albergue vor, die durchaus gepflegt ist. Der Haken am Schlafraum sind ein paar furzende bzw. schnarchende portugiesische Pilger. Mittlerweile habe ich mich an das Schnarchen durchaus gewöhnt, aber der Häuptling unter den Furzern lag direkt neben mir, dass mein Körper sich nicht entscheiden konnte, ober er sich für einen Asthma- Anfall oder eine Speibsi- Session entscheiden soll. Meine Ratio hat sich dann schließlich für das Fluchtprogramm entschieden und einen anderen Schlafplatz aufgesucht. Zum Glück gab es noch einen Schlafraum mit 8 Betten, der nur von einem Engländer belegt war und deswegen habe ich mich wieder in den vorherigen Schnarchraum begeben, um Anna, Kathi und Claudia von jenem würdigen Schlafplatz einzuweihen.

PS.: Mitten in der Nacht wurden wir durch einen lauten Knall aufgeweckt. Dieser Knall war- richtig - vom Schnarchsaal. Um auf Nummer sicher zu gehen, ob eh alles ok ist, habe ich vorsichtig die Tür geöffnet, den Raum betreten und festgestellt, dass ein Schnarcher aus dem Bett gefallen ist und sich "entschieden" hat am Boden weiterzuschlafen. Ich wollte ihn sanft aufwecken und ihn darauf aufmerksam machen, allerdings vergebens... Vielleicht hätte ein Wachküssen geholfen, aber irgendwo hört sich die Pilgerfreundschaft dann auch auf.

14. September

Los Arcos

Logrono

Die liebenswerte Kathi hat mich heute verlassen. Sie fliegt dorthin, wo ich auch bald sein werde - nach Marokko.
Doch bis ich dort sein werde, darf ich noch ein paar Schritte bestreiten.

Ich habe heute wieder wunderbare Begegnungen gehabt - u.a. habe ich ein australisches Paar begleitet, das schon seit 40 Jahren verheiratet ist und genau vor 40 Jahren das erste Mal den Camino betreten hat - "Honeymoon am Jakobsweg, statt auf den Seychellen" quasi. Sie Pianistin & er Psychologe. Dann war da auch noch mein mexikanischer Freund Xavi, den ich in Pamplona im Hostel kennengelernt habe. Der Gute ist komplett außer sich gewesen wie er mich gesehen hat, weil er sich bei mir unbedingt für den einen geschenkten Gaba- Teebeutel bedanken wollte. Und dann waren da auch noch junggebliebene amerikanische Schwestern, die gemeinsam nach Santiago laufen, um das zu tun, das sie nach dem Großwerden ihrer Kinder immer schon tun wollten. Achja und auch noch ein Leipziger, der seinen Vater hasst, den Österreichern die Schuld für den zweiten Weltkrieg gibt und generell Österreicher als Feiglinge ansieht. Mehr Menschen, mehr Spannungen, mehr Lebendigkeit und v.a. mehr Geschichten! :)

Heute übernachte ich in einer simplen, aber sauberen öffentlichen Herberge.

Liebe Grüße in die Heimat! Ich freue mich wieder auf Euch!!!!

PS.: Die Schuhe sind komfortabler! Wir sind zwar noch nicht EINS geworden, aber das ist nur eine Frage der Zeit und Kilometer - hoffen wir´s zumindest.

15.September

Logrono

Najera

Die Pilger, die sich an den nächsten Tagen kratzen oder wegen Juckreiz beklagen, werden auch als die Municipal- Pilger bezeichnet. Warum? Municipal- Herbergen haben den Ruf, dass sie nicht nur Pilger, sondern auch Bettwanzen beherbergen. Weil es mich aber eben an jenem Tag juckt bzw. noch nicht juckt, begebe ich mich wieder einmal in ein Municipal. 60 Betten in einem Saal. Am Nachmittag gehöre ich zu den Ersten, die einkehren– gegen Abend ist die Hütte voll. Bumvoll.

PS.: Der Reisereporter hat über mich einen Artikel verfasst und behauptet, dass ich Pilgern wieder sexy mache?! Ich weiß nicht so recht, wenn die wüssten wie ich manchmal rieche...

16.September

Najera

Granon

Letztes Jahr habe ich eine Ortschaft vorher, in Santa Domingo, halt gemacht. Erstens, weil das Wetter miserabel war und zweitens, weil ich mich grippig gefühlt habe. Am nächsten Tag bin ich auf einen strahlenden Kanadier und Italiener gestoßen - Skyler und Francesco - die mir vorgeschwärmt haben wie großartig ihr Aufenthalt im Municipal Granons (siehe unten) nicht war. Es wurde gesungen, gelacht, gegessen, gebetet und meditiert.

Eine von zwei Herbergen, die ich mir dieses Jahr definitiv nicht entgehen lassen wollte. Über diese und andere werde ich vielleicht in den nächsten Beiträgen bzw. gewiss in meinem Buch berichten.

PS.: Wenn sich ein Filmemacher und ein Pilger in Genf begegnen, dann kommt folgendes raus: VIMEO LINK

17. September

Granon

Monte de Ortega

Sorry, Belorado! Ich habe mich anders entschieden und bin dann doch 12 km weiter gepilgert, nämlich nach Monte de Ortega. Die meiste Zeit habe ich heute mit meinem israelischen Freund Isaac verbracht, der sich allerdings in der letzten Ortschaft für eine Bleibe entschieden hat.

Rückblick 2016 / Monte de Ortega:

An jenem Ort haben Francesco, Skyler und ich letztes Jahr beinahe keinen Schlafplatz bekommen – ja selbst ein spanischer Jesus hat uns damals eine Absage erteilt als wir ihn gefragt haben, ob wir denn bei ihm übernachten dürfen. Sodass wir uns zu Dritt ein Zimmer mit einem Doppelbett und einem Sofa in einem Hotel geleistet haben. Der nächste Tag von Monte de Ortega nach Burgos war mit Abstand der intensivste – Schneefall, Sturmböen und 24 Grad Sonnenschein bei Ankunft in die Ortschaft haben diesen Pilgertag unvergesslich gemacht.

Für morgen ist zwar kein Schneefall angesagt, aber zumindest den gesamten Tag Regenschauer. Aber gut, wenn der spanische Wetterbericht Sonne vorhersagt, regnet es zumeist und wenn Regen vorhergesagt wird, scheint die Sonne. - Spaniens Wetterprognosen ist sehr spanisch eben.

18. September

Monte de Ortega

Burgos

Die Schuhe sitzen. Die Stimmung passt. Läuft!

Zwischen Monte de Ortega und Burgos befindet sich Atapuerca. Einer meiner absoluten Lieblingsorte am Camino. (siehe Fotos) Das Stone Age Spaniens ist ein Plätzchen, um neue Ideen zu gebären. Und meine Pilgerreise von Wien nach Marrakesch soll ja auch keine Eintagsfliege sein, sonder so etwas wie eine Neugeburt oder ein Start von mehreren darauf passierenden Projekten und da sind neue spannende Seelenwünsche durchaus erwünscht. Dennoch gilt zuerst Mal voller Fokus auf Santiago, Finistere und Marrakesch.

Heute übernachte ich in einer öffentlichen Herberge. 5 €. Sauber. 160 Betten. Ich stoße auf viele neue Gesichter, neue Geschichten und neue Inputs.

19. September

Burgos

Castrojeriz

Nach Burgos nehmen viele Pilger (v.a. die bösen Armis) den Bus, weil die Landschaft sehr Wüstenähnlich sich zeigt. Vor allem ab Rabé de las Calzadas beginnt die Meseta, eine Hochebene, die von Schotterpisten, Büschen, Pilgern und Hitze, aber eben keinem Schatten vorzuweisen hat. Ich sehe dies als Part of the Game. Manchmal gibt’s eben Passagen am Weg, die sich wie ein Gang durch die Leere anfühlen, die nicht attraktiv sind, aber umso intensiver und demütiger weiß man dann auch wieder die „gemalten“ Landschaften zu schätzen. Aber die Armis haben schon recht – es können sich diese Lebens- bzw. Pilgerabschnitte schon sehr „zahn“.

Convento de San Anton. Ein Kloster der ganz besonderen Sorte. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um ein Kloster des Antoniter- Ordens bei Castrojeriz. Wobei eigentlich handelt es sich um kein Kloster mehr, sondern vielmehr um ein Ex- Kloster, das in die Jahre gekommen ist, dem ein Dach über dem Kopf fehlt. Eine Ruine quasi. Das ist auf der einen Seite natürlich sehr schade, aber auf der anderen Seite sorgt dies für eine unvergessliche Abendstimmung, wenn die Sonnenstrahlen durch die gotischen Kirchenfenster scheinen, Vögelschwärme über einem kreisen und im Hintergrund die Sonne im Abendrot abtritt.

Wenn man Luxus will, dann ist man hier definitiv fehl am Platz. Eine erfrischende Katzenwäsche mit Wasser vom Brunnen, bescheidenes Essen und simple, aber saubere Schlafsäle findet man hier vor – es besteht keine Besorgnis bezüglich Bettwanzen. No worries! Es kann allerdings im Frühjahr oder Herbst gewiss bitterkalt werden. Aus jenem Grund wurden meine Mitpilger und ich wahrscheinlich auch prophylaktisch mit Tee bzw. mit Zimt und Zitronensaft beträufelten Apfelspalten vor zu Bett gehen versorgt. Diese Herberge wird durch Spenden der Pilger aufrecht erhalten. Loretta ist eine Ex-Pilgerin und heute selbst für ein paar Wochen Hospitalero der Unterkunft, weil sie wie viele andere auf der Suche ist wie ihre Lebensreise weitergehen soll. Durch ihr Strahlen möchte man diesen Ort erst gar nicht mehr verlassen. Doch meine Reise geht weiter, nämlich in den nächsten Ort „Castrojeriz“, um einen „Pausentag“ MIT Elektrizität und WLAN einzulegen. Pause im Sinne von Texte schreiben, E-Mails beantworten oder auf Instagram- Takeovers vorbereiten.

20. September

Castrojeriz BREAK

Ja, der fesche Kerl in der Hängematte bin ich… in 40 Jahren!

21.September

Castrojeriz

Frómista

Heute war ich die meiste Zeit mit Brad unterwegs. Ich habe Brad (25 Jahre/USA) schon vor Tagen in einem kleinen Dorf angetroffen, aber erst heute haben wir uns die Zeit genommen einen intensiveren Dialog statt einem Wortwechsel zu führen. Der liebenswerte Brad hat´s bisher nicht leicht in seinem Leben gehabt, weshalb er sich schon fast das Leben nehmen wollte, doch die Liebe zum Leben und zu sich selbst waren dann doch Gott sei Dank stark genug, um das Ruder nochmals rüber zu reißen. Brad ist übrigens homosexuell. Und weil seine Homosexualität in der kleinen Ortschaft, wo er aufgewachsen ist, nicht als „normal“ bzw. von einem Teil der Bürger pathologisch angesehen wurde, hat ihn dies stark zweifeln lassen. Zweifeln an seinem eigenen Wert. Kompletter Bullshit, lieber Brad! Weil sensible Menschen, wie Du´s bist, verdammt wichtig sind auf dem Planeten Erde! - Insbesondere in Zeiten von Trump oder Kim Jong- un müssen wir, die am friedlichen Miteinander interessiert sind, mit Genauigkeit, Feinfühligkeit und Mitgefühl ein Zeichen setzen. Also: Lieber Brad, Krone richten und weiter im Sinne deiner Einstellung leben.

Nachdem ich in Castrojeriz eine Pause eingelegt habe,. „nur“ nach Formista gehe, weil ich für das Online Magazin „reisereporter.de“ einen Instagram- Takeover abwickle, treffe ich auf viele alte, aber auch junge Gesichter. Großartig :)

22. September

Frómista

Carrion de los Condes

Es wurde nur eine kurze Etappe heute. Der Grund ist der, dass meine Mandeln entzündet sind, aber nachdem meine Mitpilger so fürsorglich auf mich schauen, mir auch Halswehzuckerl oder VitaminC Tabletten zukommen lassen, wird sich dies gewiss bald legen.

Wie im März 2016 kehre ich auch heute in ein Nonnenkloster ein. Das Kloster, wo ein dänischer Vater seine Gitarre geschnappt hat und seinem verstorbenen Kind ein Lied gewidmet hat. Ich kann mich noch gut an diesen Moment erinnern, wie die Augen der harten Jungs zu schwitzen begonnen haben und dieser Abend uns noch mehr zusammenwachsen hat lassen.

Auch an jenem Abend ist es so. Wir sind bedeutend mehr Pilger als letztes Jahr und auch heuer wieder sind berührende Geschichten zu hören, was die Menschen hierher treibt. Eine Neuseeländerin, die am Weg ist, um nach Selbstliebe zu suchen. Eine Britin, die einen Teil der Asche ihres Mannes, ihres Sohnes und ihres Hundes verstreut. Mexikaner, die ihren Erdbebenopfern ein mexikanisches Lied widmen. Es wird gelacht, geweint und geliebt. Und es ist Raum für Emotionen jeglicher Art, weil Raum für Authentizität gegeben wird – egal ob welche religiöse Einstellung, egal welche sexuelle Zuneigung, egal ob Justin Bieber Fan oder Hansi Hinterseer Fan, egal ob black or white, …

Dieser Weg ist wie eine friedliche Demonstration. Hier findet unbewusst, aber auch bewusst ein Aufruf für mehr Menschlichkeit statt. Und dies gibt Hoffnung in Zeiten von diesen Trumps und Kim Jung- Uns.

23. September

Carrion de los Condes - BREAK DAY

Der Jakobsweg lernt mir vieles. Unter anderem, dass es wichtig ist auf meinen Körper zu hören. Dieses Wunderwerkl hat mich ja auch schon wirklich weit gebracht. Genauer gesagt 2500 Kilometer. Normalerweise zeige ich ihm die Grenzen auf, aber dieses Mal ist es umgekehrt. Meine Mandeln sind eitrig, so wie bei vielen anderen Pilgern. Insofern ist es keine große Überraschung, dass ich auch einer der Kränkelnden bin. Seit Saint Jean Pied de Port habe ich in keinem Schlafsaal unter 8 Personen geschlafen. Maximum: 40! Und da kommt es schon mal vor, dass der eine oder die andere einen Rotz ihres Rotznäschens am Kopfpolster hinterlassen, sich nach dem Klogehen nicht die Hände waschen oder in die Hand genießt und anschließend herausschüttelnd „Buen Camino“ gewünscht wird. Aber das ist „Part of the Pilgrimage“. Wir Pilger sind nicht nur gemeinsam am Weg, sondern auch gemeinsam am Rotzen.

Bussi aus Spanien,

Ernst

24.September

Carrion de los Condes

PAUSENTAG die ZWEITE.

Eigentlich war kein Pausentag vorhergesehen, deswegen bin ich um 5 Uhr aufgestanden und wollte um 6 Uhr aufbrechen, aber… ABER nach 2 Kilometer habe ich erkannt, dass es keinen Sinn hat. Meine Augen sind angeschwollen und die Halsschmerzen haben zugenommen. Deswegen habe ich den Rückgang eingelegt und mich im Nonnenkloster niedergelegt.

Als Pilger willst du nicht zu lange in einer Ortschaft bleiben. Du willst weiterziehen, aufbrechen, ankommen, aufbrechen, ankommen und nicht abwarten. Doch dies ist eine wertvolle Lesson für mich, dass ich auf mein Wesen hören soll und nicht auf mein Testosteron. However, ich freue mich und hoffe, dass ich meine vorbeiziehenden Pilgerfreunde bald wieder antreffen darf.

25.September

Carrion de los Condes

Sahagun

Meseta pur. 18 Kilometer nichts - v.a. kein Schatten. Die Landschaft ist von Feldern, einer geradlinigen Schotterpiste und Pilgern geprägt. Am frühen Morgen war ich mir noch nicht sicher, ob ich überhaupt die 18 Kilometer "überleben" werde, geschweige denn überhaupt aufbrechen soll, doch dann wird aus den 18 Kilometern ein 38 Kilometer- Marsch. DOCH wenn mir die letzten Tage und Wochen etwas Aufgezeigt haben, dann, dass ich runtergehen muss vom Gas.

Einer der Gründe warum ich dann doch diese Lange Tour aufnehme ist unumstritten die Tatsache, dass ich meine Pilgerfreunde wieder antreffen möchte - an jenem Tag treffe ich wieder einen Teil. Ryan, Ryans Eltern, Laura, Chantal, Felix, Nadev, das italienische Trio und Lais.

Die couragierte brasilianische Lais und ich unterhalten uns an jenem Tag über die Liebe, unsere Ex- Beziehungen, gebrochene Herzen, Wahrnehmung, Hingabe, Denkweisen und andere spannende Themen, die uns beide beflügeln und die Strapazen dieses Tages komplett vergessen lassen.

26.September

Sahagun

Religios

Nach Sahagun wird die Reise landschaftlich etwas abwechslungsreicher. Mit "etwas" meine ich, dass entlang des Weges schattenspendende Bäume und kleine Dörfchen häufiger werden - Berge sind nur in der Ferne zu sehen, doch wir kommen ihnen näher, immer näher…

In Religios übernachten wir in einem Municipal. Jenes Municipal, das letztes Jahr mit Heizstrahlern ausgestattet wurde, damit wir in der Nacht nicht erfrieren. An jenem Herbsttag gibt´s allerdings keinen Grund zu frieren - es gibt auch keinen Grund kuscheln zu müssen, weil zurzeit humane Temperaturen bzw. perfektes Wanderwetter vorherrschen - 8- 23 Grad.

27.September

Religios

Leon

Heute bin ich großteils mit Chantal unterwegs. Chantal arbeitet 6 Monate und reist 6 Monate. Sie will nicht arbeiten, Energie verlieren und Urlauben, um ihre Batterien für die Arbeit wieder aufladen. Nein, sie will die Arbeit ausüben, die sie liebt und reisen, weil sie es liebt oder wie sie wortwörtlich gesagt hat: "Das Leben ist hier, um gelebt zu werden und nicht, um ein Sklave des Systems zu sein."

Leon. Ein Municipal it is. Welch große Überraschung! Morgen werden wieder einige Pilger aus den Startlöchern schießen und sich aufmachen. Auf nach Santiago! Whoop! Whoop! Neue Gesichter! Neue "friedliche Demonstranten", die sich am Weg machen dem Planeten Erde mehr Menschlichkeit einzuflößen.

Ryan und ich versuchen früh zu starten bzw. dem Pilger- Stau auf der Camino- Frances- Autobahn zu entgehen, aber let´s see. Immerhin sind wir beide mit unseren Pilgerbrüdern und Pilgerschwestern abends unterwegs und das ist in die Kategorie "brandgefährlich" einzuordnen...

28. September

Leon

Hospital del Orbigo

Tja, Tja,... gestern wurde es ein wenig länger. Länger als sonst. Genauer gesagt bis in die Morgendämmerung würde geprostet. Ja, auch Pilger können feiern und dies richtig, richtig gut sogar.

Heute wurde ich von zwei lieben Deutschen Mädls inspiriert. Es ist ja kein Geheimnis, dass ab und an Pilger in ein „Taxi-Of- Shame“ oder einen „Bus- Of- Shame“ steigen. Die "Taxi of Shames" sind zumeist mit getönten Scheiben unterwegs, damit der sich schämende Pilger nicht erkannt wird. Und diese oben erwähnten Mädls wollten nicht in so ein Taxi steigen, stattdessen haben sie sich zwei Räder gekauft, sind mit diesen 4 Tage durch die Meseta gefahren, weil sie primär die Landschaft als „zu langweilig“ betitelt haben bzw. weil sie ein wenig unter Zeitdruck waren. Und weil sie die Räder nach der Meseta nicht mehr gebraucht haben, stellen sie sie für ihre Pilger zur Verfügung. Gratis versteht sich!

Heute kehre ich in jene Herberge ein, die auch letztes Jahr für Francesco, Skyler und mich hervorraged war. Gute Verpflegung, herzlicher Empfang bzw. durch und durch sauber. Deswegen gilt auch dieses Mal: 5 Euro aus dem Geldbörserl ziehen, auf den Tisch legen. Am nächsten Morgen schmeiß ich noch ein zusätzliches Donativo in die Büchse rein, weil die Hospitaleros sich so liebevoll um mich bemüht haben – Tee, meine Wäsche gewaschen, liebkosende Worte mir zukommen lassen, mir eine Umarmung und ein Küsschen verabreicht, etc.

Warum und wieso?! Ich muss gestehen, dass ich es auch nicht so genau weiß...

29. September

Hospital del Orbigo

Rabanal del Camino

Ich "fliege" durch Astorga durch und mache einen Abstecher ins Museum - ins Gaudípalast Museum! (siehe Foto unten) Gegen 19.00 komme ich erst in Rabanal del Camino an, weil ich mich mit einer amerikanischen Pilgerin in einer Cowboy- Bar verplaudert habe. Deswegen bekomme ich kein Bett im riesen Schlafsaal (50Betten) mehr, ABER zumindest die Möglichkeit am Boden des Speisesaals zu übernachten. Auch recht!

Nach einer Portion Nudeln und Pasta um 6 Euro, komme ich mit einer Engländerin is Gespräch, die schon seit ein paar Wochen als Hospitalero der Crew unter die Arme greift. Sie erzählt mir eine Geschichte, die sie insbesondere imponiert hat. Zwei Brüder sind vor ein paar Wochen an jenen Ort zurückgekehrt, an dem ihr Vater seine letzte Nacht verbracht hat. Kurz nach Aufbruch in der Morgendämmerung ist er kurz vor dem Cruz de Ferro verstorben. Diagnose: Herzinfarkt. Als Dank für die schöne Zeit mit ihrem Vater machten sie sich auf Richtung Santiago.

Demütig gehe ich zu Bett und demütig wache ich am nächsten Morgen auf. - Warum? Nach meinen morgendlichen Streck und Reck- Übungen stelle ich fest, dass neben mir ein Pilger geschlafen hat, der neben seinem Bett zwei Beinprothesen stehen hat. Tja, wenn einem der Jakobsweg etwas lehrt, dann Demut.

30. September

Rabanal del Camino

Foncebadon

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