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Warum Pilgern besser ist als jeder Luxusurlaub auf den Seychellen

Im Frühjahr letzten Jahres bin ich von Pamblona über Santiago de Compostela bzw. Muxia bis ans Ende der Welt gehatscht - Pardon, ich meine natürlich gepilgert. 30 Tage. Ohne Internet. Ohne Freundin. Ohne Versicherung. Und ich hab´s trotzdem überlebt.

Jeder Schritt war ein Schritt zu mir selbst, eine Bewusstwerdung meiner menschlichen Qualitäten - es war quasi ein Non- Stop- HIGH- Gefühl (ohne Einfluss von Drogen versteht sich). Diese ca. 900 Kilometer waren eine entschleunigte Reise, die die Ernstwerdung “beschleunigte”. Ja, Ernstwerdung trifft es gut. Der Ernst ist noch mehr Ernst geworden. Nein, nicht mehr ernst - ganz im Gegenteil! Mehr Ernst eben! Wie jetzt??? Egal…. Was ich damit final ausdrücken möchte, ist, dass ich jedem Menschengfrast “beten mit den Füßen” an ihr bzw. sein 30 dag oder vielleicht gewichtigeres Herz lege - sowohl der Tante Emma, der geheimen Ex- Frau des Herrn Pfarrer, einem ausgebrochenen Sträfling des Gefängnisses Stein oder dem Dalai Lama himself.

OK, jetzt mal ernst. Eine 27 jährige Zahnärztin, deren Vater pilgern wollte, aber den der Herrgott zu früh heimgesucht hat, der gehende Ex- Rollstuhlfahrer, der reiche Juwelier aus Roma oder der Vater von 5 eigenen bzw. 4 geistig behinderten Pflegekindern – fast jede/r Pilgerant/in hatte zumindest eine spannende Geschichte zu erzählen, die mich erstaunen ließen und Demut injiziert haben. Wobei… Nein, stimmt nicht ganz. Eine 65kg “schwere” Pilgerin wollte einfach nur Gewicht verlieren. Durchaus erstrebenswert ein paar Fettpölsterchen zu verbrennen, aber dies als Hauptmotiv auszuwählen und deswegen ihren Gluteus Maximus hierher zu begeben. Well, Human beings are different. Gut so!

Aber wie oben bereits erwähnt, war mir das Schicksal auch hold und ich traf inspirierende Persönlichkeiten, wie Francesco, den italienischen Juwelier mit dem ich mehrere Kilometer abgespult habe, an. Er hat mich an den Reichtum der Einfachheit erinnert. Vor ein paar Jahren waren seine Ehefrau und er um 15.000 Euro auf den Seychellen – für diesen einen Monat am Camino Frances benötigte er weniger als 1000 Euro. Wenn er beide Reisen nach eigenem Ermessen heute finanziell bewertet, würde er ohne lange zu überlegen die Summen tauschen.

Pilgern hat mein Leben wahrlich reicher gemacht - u.a. wegen den weisen Geschichte von Menschenkindern aus aller Welt. Zu Beginn der Reise war ich einer von den Zeigefinger- Zeigern, die die Wahrheit nicht angenommen haben, statt einer Wahrnehmung hat eine Wahrgebung quasi stattgefunden. Doch je mehr Tage ich in die Welt des Pilgerns eintauchte, desto mehr lebte ich im Moment und nahm die Knieschmerzen, die schimmligen Unterkünfte, die 140db Schnarcher, das Aprilwetter im März so hin wie es war. Natürlich versuchte ich meine Schmerzen zu behandeln, mein Bett gemütlich zu organisieren, mit Oropax für Ohren- Frieden zu sorgen oder dem Wetter entsprechend Kleidung anzulegen, aber nicht mehr und nicht weniger. Hatte ich ein Problem, so versuchte ich es zu lösen. Konnte ich es nicht lösen, so nahm ich es hin wie es war.

“Herr Merkinger, so war das am Jakobsweg. Und heute? Hier und jetzt? In der wesentlich komplexeren und schnelleren Welt der Hamsterräder? Immer noch ein in sich ruhender, erleuchteter, buddhistischer Mönch, dem selbst der Rechtsruck Europas, eine Backpfeife in Berlin oder die nervenaufreibenden Predigten des Herren Papa nichts anhaben können?”

>Pause>

Tja,...ähm…ok, manchmal bin ich dann doch mehr Tourist als Pilger.

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